Freitag, 10. Juli 2015

Foula im Nebel

Foula: Kommt man manchmal gar nicht so einfach hin aber es lohnt sich!
Ist bestimmt nicht das Reiseziel für jedermann und man muß es so sagen: Foula ist 'ne Rumpelbude! Wenn man auf Foula 'nen Job beendet (oder keine Lust mehr hat), läßt man alles fallen und geht heim. Spaten, Brecheisen, Gießkanne - liegt halt so am Straßenrand. 
Die ganzen ollen Autos und Maschinen werden benutzt, bis sie wirklich kaputt sind. Dann bleiben sie da stehen, wo sie kaputtgegangen sind. Auf einem meiner Spaziergänge kam einer der Fährleute mit dem Auto an, hielt mitten im Nichts, stieg aus, ging auf eine Wiese und holte ganz zielgerichtet ein paar Gurte. Er meine dann grinsend, daß man sich doch in den allermeisten Fällen erinnert, wo das Zeug geblieben ist...


Foula scheint total "unaufgeräumt" und "unorganisiert". Andere Ortschaften und Inseln haben zum Beispiel die Gemeinschaftsweide organisiert mit Quoten pro Croft. Auf Foula gibt es sowas nicht und auf Foula haut das auch hin! Es gibt ja immer junge, mittelalte und alte Crofter. Dieser Mix reguliert die Menge der Schafe von ganz alleine: Jung startet man mit ein paar Schafen, mittelalt hat man sich dann eine größere Herde aufgebaut und alt reduziert man wieder. Selbstregulierend. 
"Gemeinschaft von Freigeistern" bedeutet aber mitnichten, daß man nicht plant: Ohne eine gute Portion Organisationstalent ist man hier verloren. Drum hat jeder für jede Eventualität mindestens sechs Pläne plus jeweils ein paar Alternativen.

Foula: Kommt man manchmal auch gar nicht so einfach weg! Mein (gewagter) Reiseplan hat vorgesehen, mit der Fähre hin und mit dem Flugzeug zurückzureisen. Und dann ein paar Stunden später in den nächsten (bzw. den gleichen) Flieger und weiter nach Fair Isle. Genug Zeit für eine Fahrt nach Lerwick zum Einkaufen und zum Umpacken von ein paar Sachen.
Am Tag vor der Abreise zog wieder dichter Nebel auf - das sah sehr schön aus aber gar nicht vielversprechend, was den Flug betraf.



Der Wetterbericht versprach aber für den nächsten Tag klaren Himmel und Magnus hatte die Info, daß der Flieger kommt.
Ich bin also am nächsten Morgen mit Swift zum Flughafen gelaufen und hab gewartet...


Und gewartet. In dem Flieger wäre auch der nächste Gast für Burns Cottage (die bzw. der relief nurse - weil die Inselkrankenschwester in Urlaub fahren wollte) - komm ich nicht raus, kommt er nicht rein und das Cottage wäre frei für mich. Allerdings waren alle Vorräte aufgebraucht. Bis auf zwei Oatcakes und ein Stück Käse, die ich dann am Flughafen gegessen habe. Am Flughafen hätte ich übrigens Bonxie Sticks mieten können. Jack - der Schüler auf Foula (ist nur einer) - ist nämlich ziemlich geschäftstüchtig!

Flughafen

Ohne Worte

Swift räumt schon mal die Landebahn frei

"Wenn Leute kommen, ist das ein gutes Zeichen!" wurde mir gesagt. So ein bis zwei Stunden später kamen auch Leute. Penny (deren Schafe wir geschoren haben) und Davie (mit dem ich Mittwoch Abend Musik gemacht habe) kamen und haben sich als Feuerwehrleute verkleidet. Mit dem Feuerwehrauto wurde die Piste von Schafen geräumt und dann kamen so langsam immer mehr Leute. Ich glaube, es waren fast alle da. Nur der Flieger nicht. Der war von Tingwall gestartet und wieder umgekehrt weil der Nebel zu dicht war. In 'ner Stunde versuchen sie es noch mal.....

Letztendlich bin ich mit Magnus und 'nem anderen Magnus in dem kleinen Boot vom anderen Magnus gefahren (der "Free Spirit"). In strahlendem Sonnenschein bei total ruhiger See! 

Die Free Spirit

Foula
Ankunft in Walls


Und dann gab es sogar 'ne Mitfahrgelegenheit nach Tingwall zum Flughafen. Könnte nicht besser sein! Mein neuer Plan sah so aus, daß ich in Tingwall einen Ersatzflug nach Fair Isle organisiere und dann zur Session im Boating Club gehe. Weil aber meistens doch alles klappt, kamen wir in Tingwall an, als gerade die Türen vom Flieger geschlossen wurden. Und wieder geöffnet. Die Hundebox, die mir aus Fair Isle geschickt wurde, war da, ich hab schnell neues Hundefutter und 'ne Packung Kekse aus dem Auto geholt und schon ging es weiter!

Fair Isle

Donnerstag, 9. Juli 2015

Foula-Bilder

Einfach ein paar Bilder von Foula


Burns Cottage
Shetlandpony
Blick aus dem Fenster auf den abendlichen Ponyausflug


Die Kapelle

Der welcome room der Kapelle mit Leihbücherei des Vertrauens. Mir hätte mal einfallen sollen,  "Music for a found harmonium" zu spielen!


Die alte Kirche und der Friedhof


Shetlandpony

Gaada Stack


Mittwoch, 8. Juli 2015

gar nicht mal so blöd....

"Das sind alles Anführer. Da ist keiner dabei, der folgen würde". Sagt Sheila auf die Fragen, ob man hier auch so etwas kennt wie die isländischen Anführerschafe und ich bin mir gar nicht sicher, ob sie von Foula-Schafen oder Foula-Menschen spricht.
Clever sind die Schafe auf jeden Fall. Neben dem Ferienhaus ist ein Stück ausgezäunt: Mit Elektrozaun, den die Schafe noch nicht kennen. Vier Litzen. Wir präparieren den Zaun für einen "Kennenlerntrick", der bei meinen Schafen ganz gut funktioniert hat: Immer mal 'nen Streifen Alufolie an die Litze machen, um die Neugier zu wecken und um den ersten Zaunkontakt nicht zwischen gut isoliertem Wollhintern und Zaun sondern zwischen Nase und Zaun zu provozieren.
Ich beobachte die Schafe. Keins geht an den Zaun. Ich beobachte die Schafe nicht mehr. Eine Mutter steht auf der falschen Seite. Ihr Lamm folgt nicht. Schon mal was. Ich bringe das Schaf auf die richtige Zaunseite und beobachte noch etwas. Nix. Am nächsten Tag: Fünf Schafe im ausgezäunten Feld. Schafe rausbringen, Zaun überprüfen, bisserl dran rumtüddeln, beobachten. Nix.
Essen machen, rübergucken, zwei Böcke im Feld. Die können niemals durch den Zaun gegangen sein. Der würde nicht mehr stehen. Springen die drüber? Warum springen die dann nicht über den Festzaun? Böcke raus, beobachten, essen, wundern wie sie es machen und wieder von vorne: Böcke raus, Concertina spielen, wundern, Böcke raus, beobachten, Concertina spielen, wundern, Böcke raus,......
Wie sie's machen? Die Mauer um den Garten ist an einer Ecke etwas niedriger. Da springen sie rauf, laufen auf der Mauer lang, hüpfen nur einmal kurz in den Garten für ein Maul voll Blumen und dann weiter auf der Mauer lang bis sie an der Stelle vorbei sind, an der der neue Zaun auf die Mauer trifft und da springen sie in das "ausgezäunte" Feld.
Ich bin ganz angetan von diesen netten Schafen. Die kann man ganz wunderbar allein von einem Feld ins andere treiben. Die Schafe laufen brav zusammen und gehen artig dahin, wo man sie haben möchte. Mir hat man bisher immer erzählt, die primitiven Schafe und allen voran die Shetlander, würde bei Druck sofort auseinanderspritzen und hätten keinen Herdenzusammenhalt. Ich hab mich gewundert, wie anders Skudden (und Schnucken) da sind.
Sheila - Post-Mistress von Foula und langjährige Schafs-und Ponyzüchterin - erzählt mir, daß das antrainiert ist. Man macht sich (und den Tieren) das Leben nicht unnötig schwer auf Foula. Die Lämmer bleiben den ersten Winter am Haus und bei ganz schlechtem Wetter im Stall. Sie lernen die Menschen als Überbringer bester Nachrichten kennen und sie wissen ganz schnell, wie der Sack mit den Zuckerrübenschnitzeln klingt, kurz bevor der Trog gefüllt wird. Außerdem haben sie einen guten Start ins Leben, wenn sie im ersten Winter ordentlich wachsen können statt auf dem Berg (bestenfalls) einfach  "durchzukommen".
Natürlich gibt es große rassebedingte Unterschiede im Verhalten von Schafen aber es ist nicht so, daß das Verhalten "hirnlos" auf einen Auslöser folgt. Schafe haben Strategien ausgearbeitet und gedanklich verschiedene Szenarien durchgespielt, einige davon in der Praxis getestet und die erfolgversprechendste ausgewählt, da sind wir noch gar nicht richtig auf der Weide. Als Beutetier ist man besser richtig, richtig gut darin, potentielle Beutegreifer zu erkennen und ihre Strategien vorwegzunehmen...



Weil Foula-Schafe clever sind und die Leute stolz auf ihre Schafe und weil man hier lange Zeit echt nicht viel hatte im Sinne von "Unterhaltung",  hat man die größten Tricks und Kapriolen der Schafe zum Besten gegeben. Nicht als "zwei von den Böcken waren so clever, auf der Mauer lang zu laufen", wie ich das oben gemacht habe sondern etwas persönlicher. Sind ja schließlich nicht irgendwelche Schafe auf irgendeiner Insel am Rande der Welt und auch nicht beliebige zwei von denen sondern " da tups - you kin - da sneedled moorit one and da twa bletted with floorie breeks", (die Schafsfarben sind Foula-Namen, der Rest frei improvisiert!) gefolgt von einer grandiosen Story über die Abenteuer der Böcke und des Erzählers.....
Das Bedürfnis, über die Schafe zu reden, muß durchgängig groß gewesen sein. Die sprachlichen Wurzeln für die unzähligen shetlandischen Farbbezeichnungen sind "Norn" - eine ausgestorbene nordische Sprache, eng verwandt mit Isländisch und Faröisch. Als Shetland schottisch wurde, gab es für einige Begriffe - wie Schafsfarbbezeichnungen - vermutlich keinen Ersatz. Aber weiterhin Verwendung. So haben sich die ganzen Bezeichnungen und ihre regionalen Varianten gehalten. Was passierte, als man auf rein weiße Herden umstieg? Kehrte da eh eine "industrialisiertere" Landwirtschaft ein, in der man nicht mehr über individuelle Tiere redete? Gab man ihnen Namen? War es egal, weil es mittlerweile Kino gab und das viel besser war als olle Schafsgeschichten?
Sneedled, flekkit, skimmlet, shaela,...... (die noch keine Ohrmarke haben sind "Setnins" - anderswo in Shetland "Yierlds", in Cumbria "Gimmers", manchmal einfach "Hoggs" und in Sachsen "Lieschen"!)
 

Dienstag, 7. Juli 2015

Schur die dritte

Die allerersten Leute, die ich vor meiner Reise kontaktiert habe, waren die Leute von foulawool.
Abgelegene Insel und "altmodische" Schafe klingt einfach toll. Nun bin ich hier und es ist wirklich toll!
Magnus hat das Croft und die Schafe von seinem Vater geerbt. Vor dem Lebenswerk des Vaters hatte er natürlich Respekt aber die Anzahl Schafe schrumpfte bald auf dreißig. Schlachttiere verkaufen ist für ihn keine Option, weil der Transport zum Markt (mit den zwei Stunden wilder Bootsfahrt) echt beängstigend für die Tiere sein muß. Der Eigenbedarf ist so groß auch nicht. Also eine kleine Herde aus Sentimentalität. Die Wolle wurde anfangs auf's Festland verkauft aber mit dem Transport war das nicht gerade "ein Geschäft". Bunte Wolle bekommt eh nicht den besten Preis und die mischwolligen Vliese sowieso nicht. Ein Haufen Arbeit für'n Appel und 'n Ei. Plus das Gefühl, da irgendwie über'n Tisch gezogen zu werden....
Da kommt man besser, wenn man die Schafe schert, die Wolle auf 'nen Haufen stapelt, Benzin draufschüttet und den ganzen Schamodder verbrennt.

Das war so die Routine. Bis Magnus seine Lebensgefährtin kennengelernt hat und die beim Scheren geholfen hat. Ich kann es mir bildlich vorstellen....."So! Fertig! Jetzt zünden wir den Krempel an und dann ist Ruhe für ein Jahr! Reich mir mal den Kanister!" "Wir machen WAAAS????"
Justyna konnte nicht glauben, daß Wolle nix wert sein soll. Als Strickerin kannte sie die Preise im Wollgeschäft und das ist nicht gerade "nichts". Die Überzeugung, daß da ein Wert in den Tieren und ihrer Wolle ist, gepaart mit Inselbewohner-Dickschädel, hat Foulawool ins Leben gerufen.

Magnus und der schönste Trecker von Foula
Das ist ein solches Bilderbuch-Heile-Welt-Produkt, daß man es fast gar nicht glauben kann. Aber da ist tatsächlich diese abgelegene Insel mit ihren altertümlichen Schafen, der Crofter, der seine Schafe (und die von ein paar Nachbarn) mit der Handschere schert und der die Wolle anschließend nach Farbtönen sortiert nach England schickt in eine uralte Spinnerei (die ich auch unbedingt noch besuchen will), die daraus tolles Garn in tollen Naturtönen macht. Perfekt für Fair Isle stricken.




Das ist echt ein Garn mit Charakter. Wobei "Charakter" keine Umschreibung für kratzig ist! Das Garn ist sogar weicher, als ich erwartet hätte und wirklich toll.

Die FoulaWool Farbpalette

Das Feedback von Kunden ist großartig und der wiedergewonnene Wert der Wolle sichert auch das Fortbestehen der einzigartigen Foula-Schafe in ihrer faszinierenden Vielfalt. Um diese "altertümlichen" Shetlandschafe zu erhalten ist es wichtig, daß ein gewisser Bestand erhalten bleibt. Sinkt die Zahl der Schafe auf der Insel rapide, geht ein Teil der Vielfalt für immer verloren. foulawool schafft einen Wert (wenn auch nur einen kleinen) für diese "leidenschaftlich unabhängige Inselgemeinschaft" und ihre kleinen Schafe. (Vielleicht müßte es auch "gnadenlos unabhängig heißen".... "fiercely independent" - beeindruckend und einzigartig. Menschen, Insel, Schafe)

Eine Strickjacke aus FoulaWool zum Open Day in der Schule

Einen kleinen Einblick in die Vielfalt von Magnus Schafen habe ich zur Schur bekommen. Wir haben ein paar Tage lang immer mal geschoren. Magnus mit "gefesseltem" Schaf auf dem Tisch, ich "neuseeländisch" auf dem Boden. 
Perfekte Gelegenheit, die Farben und Wolltypen kennenzulernen. Geredet haben wir auch. Meist über Schafe....
Am letzten Tag war's dann irgendwie vertrackt.... da gab es keinen Stopp.... einen Teil der Schafe im Stall lassen wär blöd - die Lämmer, die wir alle mit eingesperrt haben, kriegt man nie zusortiert zu den geschorenen Schafen draußen und den wartenden drinnen. Außerdem würden die Schafe in der ollen Einstreu ganz mistig werden..... Also haben wir geschoren. Und geschoren. Allerdings wird es selbst in Shetland im Sommer irgendwann dämmrig und die schwarzen Schafe mußte man fast im "Blindflug" scheren. (Nein, Licht gibt's nicht im Stall).
Also erst die schwarzen, dann die Muttern mit Lämmern und dann den Rest. Bei unserem "Rennen gegen die Dunkelheit" (klingt fast wie in einer Vampirgeschichte - vor Sonnenuntergang muß man in der Wirtschaft sein! Ja nicht in der Burg um Unterkunft bitten!) war irgendwann die Luft raus  ..... Eindeutig daran erkennbar, daß der tiefenentspannte Magnus nicht mehr jedem geschorenen Schaf, das er durch das kleine Türchen rausläßt, ein euphorisches "Freedom!" hinterherruft!
eines der vielen feinen Vliese - komplett gerauft
Ein paar Vliestpyen. Rechts ist die Mischwolle von ganz links nochmal - "auseinandergenommen" 



Hütehund Arrow überwacht die Schur von Pennys Schafen

Montag, 6. Juli 2015

Shetlandschafe - Foula-Schafe



Schafe Foula

Einmal quer durch Deutschland, einmal quer durch die Niederlande, 6 Stunden mit dem Schiff nach England, halb durch England und ganz durch Schottland bis in den nördlichsten Zipfel, mit der Fähre auf die Orkney Inseln, einmal übers Mainland, 7 Stunden mit dem Schiff nach Shetland, einmal rüber auf die Westseite und nochmal zwei Stunden auf 'nem Boot. Und schon ist man auf Foula! Die Schafe, die man dann sieht: Sehen aus wie, die bei uns hinter'm Haus stehen!

Was ich vorher gehört habe über Foula-Schafe:
Sie sind -
- der ursprüngliche Typ Shetland-Schafe
- klein und haben furchtbare Wolle
- viel bunter als Schafe auf dem Festland
Was den ursprünglichen Typ angeht, scheinen sich die meisten Leute erstaunlich einig zu sein. Ansonsten gibt es da durchaus geteilte Meinungen, wer denn nun die "richtigen" Shetland-Schafe hat. Mein Verständnis der Lage:
In Großbritanien außerhalb Shetlands, ist die Shetland Sheep Society zuchtbuchführend. "Das sind die richtigen Shetlandschafe". Es gibt alle traditionellen Farben, das Hauptaugenmerk liegt auf der Wolle (und den Farben). Über Schafe auf Shetland wird gemunkelt, daß man da mal alles mögliche eingekreuzt hat. Man würde immer mal so Hörner sehen, die wie "hinter die Ohren gekämmt" aussehen. Wie beim Scottish Blackface! (Das soll ich aber auf Shetland besser nicht so sagen)
In Shetland registriert man seine Schafe bei der Flock Book Society. Hier ist man der Meinung, daß ein Schaf nur dann ein Shetland Schaf sein kann, wenn es hier klarkommt. Seit fast hundert Jahren werden die Schafe im Flock Book rasserein gezüchtet. Ob bzw. in welchem Umfang man vor der Gründung andere Rassen eingekreuzt hat, scheint gar kein wichtiges Thema.
Im 19. Jh haben auch in Shetland die Landbesitzer versucht, am Reichtum durch Wolle zu profitieren und haben schottische Herden auf die Inseln gebracht und dafür das beste Land von seinen traditionellen Bewohnern "geräumt". Die Menschen sind größtenteils nach Kanada ausgewandert, die Schafe hatten nur noch die ganz rauhen Hügel zum Grasen.
In der Zeit ist man - vor allem in England - ganz neue Wege gegangen in der Schafzucht und hat einige neue Rassen kreiert. Und man hat den Heterosiseffekt für die Schafwirtschaft entdeckt der bewirkt, daß Hybriden aus zwei (geeigneten) fremden Rassen besonders gut gedeien und oft das Beste beider Eltern vereinen. Mit der Verwendung eines "terminal sires" konnte man schneller, einfacher, wirtschaftlicher und unter besserer Ausnutzung aller Landstriche Lammfleisch erzeugen für den rapide wachsenden Markt in den Industriestädten.
Einige englische Züchter haben mit ihren Erfolgen weltweit von sich Reden gemacht. Warum sollte man in Shetland nicht versucht haben, die kleinen Schafe zu "modernisieren"? Zum Beispiel mit Merinos - Shetlander waren immer schon in erster Linie Woll-Lieferanten. Ob man nun irgendwas eingekreuzt hat oder ob das Zuchtziel auf "modern" gerichtet wurde oder ob es ganz anders war und man sich einfach gar keine Mühe gegeben hat: Ein paar Leute in Shetland hatten den Eindruck, daß die Qualität der Schafe nachläßt und haben die Flock Book Society gegründet, um dem Einhalt zu gebieten. Der Fokus der Society liegt heute vor allem darin, gute Shetlandschafe für Kreuzungen zu liefern. Die Shetlander mit superguter (und recht gut bezahlter) Wolle sind die wartungsarmen "Bergschafe", die von oller Heide, guter Luft und fantastischen Ausblicken leben. Die Kreuzungstiere mit Cheviotböcken sind sowohl hier als auch in Aberdeenshire begehrt als Muttertiere von guten Schlachtlämmern. Dazu braucht man als Ausgangstiere eben "reine Shetlander von höchster Qualität."
Die Societies haben also einen ganz unterschiedlichen Fokus. Was für die Rasse nur gut ist.
Dann gibt es auf Shetland noch die Leute, die den "alten Typ" züchten. Oft sind diese Schafe bunt und meist leben sie ein rauhes Leben. Auch unter den großen "kommerziellen" Schafzüchtern gibt es einige, wie Maurice Laurenson, die auf den alten Typ schwören und die "neumodischen Flock Book Schafe" für verweichlicht halten.
Alle, mit denen ich gesprochen habe, waren sich einig: Wenn man denn jemand anderem zugestehen müsste, die "richtigen" Shetland-Schafe zu haben, dann den Leuten auf Foula. Man sieht den "Foula-Typ" aber nicht als (s)ein Zuchtziel. Und kommt damit leicht in einen Konflikt. Wenn das die "richtigen" sind und ich was anderes will, wie kann ich dann behaupten, Shetland-Schafe zu züchten? Beholfen wird sich dann damit, daß man eben "Shetland-Schafe nach dem Standard von 1927" züchtet.
Was nun aber den Foula-Typ ausmacht, ist eher nebulös. Oft assoziiert man mit den ursprünglichen Schafen auch ursprüngliche Wolle. Und meint damit Mischwolle mit langen Grannenhaaren. Dafür gibt es weniger Geld. Ob vom Woolbroker in Lerwick oder über's Internet von Handspinnern in Japan. Foula-Typ = Mischwolle = nicht schön? 
Foula Schafe

Was man auf Foula tatsächlich findet, sind Schafe, die eindeutig alle zu einer Gruppe/ einer Rasse gehören. Aber es gibt viele Varianten zum Thema. Ist nicht so, daß ich sehr ähnliche Varianten nicht auch auf dem Mainland oder in England gesehen hätte. Aber dort wird einem die Varianz eher als Makel beschrieben mit nachgelieferter Erklärung, warum man das Tier trotzdem behält. Hier auf Foula scheint die Varianz eher Teil des Themas.

Foula Schafe


Es gibt hier öfter Böcke mit schönen Hörnern (nach meinem Geschmack - also große, skuddenähnliche Hörner mit weitem Bogen) aber auch welche mit kleinen feinen Hörnchen oder ganz ohne. Es gibt Schafe mit längeren und mit kürzeren Schwänzen. Aber keine mit langen. Sind ja northern SHORT tailed sheep! Es gibt spitze und breitere Gesicher, kleine und größere Ohren. Es gibt fast alle Farben (meine Lieblingsfarbe katmoget hab ich hier noch nicht gesehen und die dunklen Gesichter der Northmavine Schafe - mirkface? - auch nicht). Und weil ursprünglich eben nicht bedeutet "einheitlich schlechte Wollqualität" sondern "große Varianz" gibt es auch die Wolle von superfein und einheitlich bis mischwollig in verschiedenen Varianten.


Foula Schafe
Nach meinem Eindruck paßt das einfach zu der Insel und ihren Bewohnern. Jeder behält die Tiere, die ihm oder ihr gefallen. Das können ganz klare, "objektive" Kriterien sein oder ganz einfach Bauchgefühl und Sympathie.
Einige halten ihre Schafe in eingezäunten Weiden, andere lassen sie gemeinsam auf der Allmende weiden. Es gibt auch ein Grazing Committee auf Foula. Das hat sich nach der Gründung auch einmal getroffen. Es wurde wild argumentiert und gestritten und seitdem gibt es das auf dem Papier. Der beste Platz für ein Kommittee auf Foula!
"Ich weiß gar nicht, wie die anderen das machen" sagte Magnus. "Ich frag auch nicht. Dann muß ich mir das anhören und sie werden es so erzählen, als wäre es der einzige Weg". Auf Foula macht man, was man für richtig hält und läßt anderen ihren eigenen Weg.


Sonntag, 5. Juli 2015

Bonxies



Foula liegt nicht nur (gefühlt) am Rand der Welt, Foula hat auch einen beeindruckenden "Rand". Die Insel ist auf der Ostseite flach und grün und bewohnt, auf der Westseite hoch und wild und gefährlich. Die Gipfel fallen zum Meer hin erstmal ziemlich steil ab, um dann in atemberaubenden Klippen zu enden. Wandern mit Regenhose ist nicht empfehlenswert. Wenn man damit stolpert, rutscht man viel zu gut und unaufhaltsam Richtung Abgrund! Aber auch ohne Regenhose und an einem schönen Tag kommt man leicht ins Rutschen und sollte nicht an jeder Stelle mal eben über den Rand gucken wollen...
Was man sich angucken sollte, ist der "Sneck o da Smaalie". Eine zwei Meter breite und fürchterlich tiefe Kluft im Süden der Insel, die entstanden ist, als ein großer Brocken von Foula abgebrochen und eben diese zwei Meter weggerrutscht ist. Da nisten Puffins (hurrah!) und Razorbills und ein Haufen anderer Seevögel, die ich nicht kenne. Der Weg dorthin führt durch ein großes, grünes Tal (da Daal). Die besonders saftig-grünen Stellen sollte man meiden. Das ist  eine Sorte Sphagnum (Torfmoos), die an den richtig nassen Stellen wächst und einige der Moorlöcher sind tief.
Am Ende des Tals kann man links steil hoch und die Klippen runtergucken oder rechts steil hoch und oben auf dem Kamm langgehen bis zum Nordende der Insel. Diesen Weg sind Swift und ich gegangen. Die Berge und Hügel haben keine beeindruckende "Höhe über N.N." aber wenn man auf N.N. startet, fällt das gar nicht auf!
Der Weg über die Hänge führt durch das Territorium der Bonxies. Bonxies sind Möwen. Eigentlich. Recht große Möwen. Nimmt man eine von den üblichen Möwen, die man als "Landratte" so vom Nord- oder Ostseeurlaub kennt - so eine, die den Krabbenkuttern folgt und sich sehr malerisch auf Postkarten macht - und gibt ihr ein Raubvogelgefieder, dann ist der Eindruck gleich ein ganz anderer! Form follows function. Vielleicht hat die Möwe sich auch im Wasser gespiegelt und beschlossen, daß man mit diesem Aussehen ein ganz anderes Leben führen sollte! Bonxies sind Piraten. Sie greifen andere Vögel an, die gerade den Fang für ihre Jungen ranschaffen und setzen denen solange zu, bis sie die Beue fallen lassen. Kleptoparasitismus heißt das.
Drum findet man oben auf den Hügeln durchaus öfter mal 'nen Fisch.
Die Bonxies fressen aber auch anderer Vögel Junge und auch den ein oder anderen Puffin (Mörder!). Ihre eigenen Eier legen sie einfach auf den Hang, ohne groß ein Nest zu bauen. Die Gelege und die Jungen werden vehement verteidigt. Zum Beispiel gegen Wanderer mit Hund. Der arme Wutz hat sich in jedem Kanickelloch auf dem Weg versteckt! So ein Geschwader Bonxies ist ziemlich beeindruckend und ein einzelner im gezielten Angriff auch!
Für mich war natürlich nicht ersichtlich, wo ihre bevorzugten Nistplätze sein könnten. Nach den Angriffen zu urteilen auf der Westseite oben am Hang und auf der Ostseite unten am Hang. Der Norden gehört ihnen komplett, im Süden sind sie netter und belassen es bei dichten Überflügen...
Die Broschüre im Ferienhaus riet dazu, mit einem Stock über dem Kopf zu wedeln. Den Stock hätte man mitbringen müssen. Aus England. Alternativ kann man aber die Hundeleine (ohne Hund dran) über dem Kopf schwingen (dazu gehört, sich den Karabiner mindestens einmal ins Gesicht zu hauen).
Hundeleine schwingend, den Hund (verbal) und sich selber (aktiv) aus den Moorlöchern raushaltend gibt man eine heldenhafte Figur ab und kann wunderbar darüber nachdenken, was für eine Art Musik man machen würde, hätte man eine Kombo mit Namen "Bonxie Band"..... Ich glaube, so was wie Rammsein mit Shetland-Dialekt-Texten und abgedrehten Fiddle- und Akkordeon Elementen (a la Pogues nur eben Shetland-Trad).

P.S.: Es nützt gar nichts, wenn man von da an lieber zum Spazierengehen die Inselstraße rauf und runtergeht. Da kommen Skootie Allens und Tirricks (die viel netter aussehen - wie kleine Elfen) und verkloppen den Hund und wenn der mal am Straßenrand schnuffelt, hockt da bestimmt eine von diesen kleinen Möwen (Fulmar) und spuckt ekelige, fischige Aule auf das arme Tierchen.

Samstag, 4. Juli 2015

Am Rande der Welt: Foula

Foula gilt als die abgelegenste Insel Shetlands. Wenn man auf Google Maps "Foula" eingibt, sieht man eine kleine Insel. Und sonst nichts. Um die Lage der Insel herauszufinden, muß man rauszoomen. Nach ein paar Rauszoom-Clicks sieht man im Osten Land. Shetland. Auch schon recht abgelegen. Weiteres Rauszoomen bringt Orkney auf den Bildschrim und evtl. Bergen. Der erste Ort, der den meisten Leuten "bekannt" ist und der nächste Bahnhof zu Shetland
Foula hat keinen Shop. Und keinen Pub. Was schon mal verdeutlicht, daß man hier nicht in Irland ist! Bei 30 Einwohnern hätte eine irische Insel vermutlich 3 Pubs.
Das mit dem Shop ist aber bedeutender. Was man auf Foula essen, trinken oder einfach haben möchte, das muß man mitbringen!
Wie ich ja schon auf den Hebriden gelernt habe, ist es für Inselbewohner immens wichtig, Anschluß zu haben. Je bequemer man auf's Mainland kommt, desto einfacher wird das Leben auf der Insel.
Auf Foula ist nix einfach. Um einen täglichen Flug nach Tingwall möglich zu machen, haben die Bewohner kurzerhand eine Landebahn gebaut. (Nicht gestern. In den 70ern.)
Ein täglicher Flug bedeutet aber auch, daß Tagestouren nicht möglich sind. Was vielleicht einige Touristen von einem Besuch abhält. Aber vor allem hält es die Bewohner davon ab, Handwerker zu holen für "kleinere" Jobs. Probleme mit dem Wasserrohr? Jemanden für zwei Tage bezahlen plus Unterkunft, Verpflegung und Flug? Oder erstmal selber probieren und improvisieren?  
Dinge, die man braucht, haben ihren Preis vervielfacht, bis sie hier sind. Da denkt man einmal mehr drüber nach.... anderes muß man einfach selber produzieren. Wie Strom.
Laut Magnus, meinem Vermieter, sind die Bewohner Foulas (die, die hierbleiben) alle Sturköpfe, die sich durchbeißen. Muß man sein. Magnus ist (Ersatz-)Skipper auf der New Advance, die als Fähre alle zwei Tage zum Festland (Shetland) fährt und Schafzüchter und Wollproduzent und Vermieter eines Ferienhäuschens und natürlich ist er nebenbei noch Elektriker, Mechaniker, Klempner, Autoschrauber und was man halt sonst noch so sein muß. Meistens einfach "Erfinder".
Was die Leute nicht sind, ist "Manager" oder "Kommunalpolitiker". Was die Leute auch nicht sind, ist risikofreudig. "Och klar, probieren wir! Wenn's schief geht, geht's schief!" - das geht hier nicht. Wenn hier was schief geht, dann in richtig großem Maßstab. "We are always on the brink of desaster" sagt Magnus, "but desaster never strikes".
Es gibt Töpfe mit Geld in Brüssel für "benachteiligte" Regionen. Auf Foula hat man kein Problem damit, die Benachteiligung der Region zu beweisen aber mit den Geldtöpfen kommt hier keiner vorbeigefahren und schüttet sie auf den Pier. Also fuchst man sich über's Internet in die Fördermöglichkeiten ein und versucht dann, Projekte sinnvoll zu konzipieren. Der "Google-Kurs in EU-Förderpolitik" wird dann also abgelöst durch eine autodidaktische Lektion in z.B.  Elektroingeneurswesen. Dann wird man doch kurz zum Kommunalpolitiker und anschließend zum Projektmanager.
Gerät man dann an eine Firma, die eine Chance sieht, den eigenen Bankrott abzuwenden durch den Verkauf von ungeeigneten Windrädern (oder den Verkauf von "irgendwas"), dann hat man schnell ganz schlechte Karten... (Und ein paar nutzlose Windräder!)

Shetland Schafe

Will man Foula besuchen, kann man in einer Viertelstunde von Tingwall aus herfliegen. Ich empfehle für den Hinweg die Fähre! Die New Advance ist ein kleines Boot mit Platz für eine handvoll Passagiere. Sie fährt alle zwei Tage von Walls, einem kleinen Hafen im Westen des Mainlands. Dahin schleppt man erstmal sein Gepäck und essen für die Zeit auf der Insel Bei Bedarf noch Hundefutter für die Zeit auf der Insel, Musikinstrumente, Kamera, Schafschere und 'ne Flasche sächsischen Wein für die Vermieter. Die Unterkunft muß man rechtzeitig buchen. Es gibt zwei Ferienhäuser auf Foula und die sind meist ausgebucht. Die Vogelbeobachter kommen hier genauso zuverlässig her wie die Seevögel....
Das ganze Gepäck wirft man dann vom Pier aus der Besatzung entgegen. Den Hund und die Concertina reicht man etwas vorsichtiger runter. Und dann bekommt man zwei Stunden lang hautnah zu spüren, wo Foula liegt und was abgeschieden bedeutet.....
"Wenn Dir komisch wird, guck auf den Horizont!" Den Tipp hab ich einmal - auf einer großen Fähre - befolgt. Boah, war mir da schlecht! Man KANN nicht auf den Horizont gucken, wenn der immer mal am Fenster vorbeikommt. Mal von unten nach oben, dann von oben rechts nach unten links, um dann wieder von unten rechts nach oben links zu verschwinden!
Mein Tipp für große Fähren: Direkt an die Bar und ein Bier bestellen! Auf der New Advance gibt es keine Bar. Der einzige andere Passagier war ein jungscher Wanderer, der Shetlands einzigen richtigen Berg (den Sneug auf Foula) besteigen wollte. Der hat das wilde Geschaukel solange verschlafen, bis es ihn mit Schwung gegen die Wand gedonnert hat! Aber Schlafen ist auch eine gute Strategie. Augen zu und sofort lief im Kopf ein "Soundtrack". In diesem Fall ein irisches Wiegenlied, was mir gleich nochmal amüsante Bilder dazu geliefert hat über die Art Wiege und die Art Eltern (ganz bestimmt der Vater) die zu den Bewegungen passen würden....
In Foula angekommen, wird entladen. Passagiere klettern eine Leiter hoch, Hund und Gepäck werden mit Schwung hochgereicht. Dann setzt der Skipper den Kran auf dem Pier in Gang und entlädt die Fracht. Tonnen mit Diesel, ein großer Tank für den Stromgenerator und Big Packs mit Baumaterial. Dann wird aufgeräumt. Die New Advance wird aus dem Wasser gehoben und in ihr "Regal" gepackt wie ein kleines Spielzeugboot. Auch im Sommer gibt es hier Wetter, das ein Boot im Hafen nicht ohne weiteres überleben würde. 
Die New Advance in ihrem "Regal"

Währenddessen kann man als Passagier die alten Karren in Augenschein nehmen, die am Hafen stehen und nun wirklich, wirklich, ganz bestimmt am Ende ihrer Tage angekommen sind. Die Fahrzeuge, die davon noch weit entfernt sind kommen derweil angeklappert und die Besitzer holen sich das Zeug ab, was für sie auf der Fähre war.
Inseln ohne Autofähre haben einen etwas anderen Standard, was die Funktionstüchtigkeit von Fahrzeugen angeht. Man braucht auch gar nicht allzuviele Teile, um zu fahren. Und erstaunlich viele von den Teilen, die man wirklich braucht, können mit Strick oder Gaffa besfestigt werden, ohne die Funktionstüchtigkeit (Foula Standard) zu beeinträchtigen!

Burns Cottage

Meine Unterkunft ist Burns Cottage. Ein urgemütliches Haus ungefähr in der Mitte der Insel, ohne Nachbarn in Sichtweite. Dafür aber jede Menge Foula Schafe rund ums Haus. Herrlich!

Blick von der Westseite runter auf den Hafen



Bonxies
Bonxies und Moorlöcher