Donnerstag, 18. August 2022

Wald oder Wiese - was ist besser?

Der Wald hat eine Lobby, die momentan auch Gehör findet.
Das ist super! Wälder sind super und wir brauchen mehr naturnahe Mischwälder.
Wir merken ja alle, dass wir mit der Natur nicht so wirklich gut umgegangen sind und vor allem nicht zukunftsfähig.
Wir haben die Welt verändert und das auf eine Art, die uns jetzt - Mal vorsichtig ausgedrückt - auf die Füße fällt.
Und zwar so krass, dass der Gegenentwurf, die Sehnsucht der Menschen, ein sehr extremes 'zurück zur Natur' ist.
Da soll doch überall wieder Wald sein. Also außer ein paar kleine Inseln, in denen wir dann wohnen. Wald ist quasi das Synonym für Natur. 
Mich wundert dieser Ansatz, sich da rauszunehmen. Den Menschen nicht als Teil der Natur zu sehen. Und alles so extrem zu vereinfachen und zu beschränken.
Kleiner Rückblick: So gut 10.000 Jahre. Die Eiszeit endet. Viele stellen sich da eine Eiswüste vor. Maximal karge, flechtenbewachsene Tundra. Aber dann kam 'die Natur' in Form von Wäldern. Folge eines natürlichen Klimawandels und hätten wir nicht eingegriffen, hätten wir heute keinen menschengemachten Klimawandel, der in einer sich selbst beschleunigenden Spirale katastrophale Konsequenzen hat. So ist die Vorstellung wohl oft... Eis - Wald - Mensch macht alles kaputt - nun haben wird den Salat!
Also müssen wir zurück zum Urwald? Und zwar überall, wo es irgendwie geht? So einfach ist das nicht, denn schon diese Vorstellung von 'lebensfeindliche Eiswüste wird zu Wäldern' ist falsch.
Was hier zum Ende der Eiszeit war, das waren weite, steppenähnliche Graslandschaften (bzw. oft von Kräutern dominierte Steppen). Mit riesigen Herden großer Pflanzenfresser. Wollnashorn und Mammut und diese Hirsche mit dem unglaublich großen Geweih und viele andere  Wirklich alles voll mit denen! Wie man das von Tierdokus aus Afrika kennt. Nur mit größeren Tieren. 

Diese Steppe war natürlich auch nur ein Übergang. Einen fixen 'Urzustand' gibt es nicht. Die großen Herden haben Bodenleben nach der Eiszeit überhaupt erst möglich gemacht. Sie haben in ihrem Verdauungstrakt die ersten Mikroben bereitgestellt, die Nährstoffe pflanzenverfügbar machen, und sie haben ihren Lebensraum erhalten. 

In diesem Übergangszustand hat sich der Mensch in Mitteleuropa wohl ziemlich wohl gefühlt. So als Jäger und Sammler.
Man sagt gerne, auch mitteleuropäische Touristen würden die Savannen Afrikas deshalb so faszinierend finden, weil sie (weil wir), diese Landschaft als Wiege der Menschheit erkennen. Sie berührt uns.
Es kann aber gut sein, dass wir uns nicht ganz so weit zurückerinnern an den Ursprung der Menschheit sondern an die weiten, offenen Landschaften Mitteleuropas. Die Landschaft, in die wir gut gepasst haben. In der Zeit, kurz bevor der Wald kam, bevor die großen Herden großer Pflanzenfresser verschwanden und wir zu Hirten und Bauern wurden. Dass sie verschwunden sind, ist wohl auch (zumindest teilweise) unsere Schuld aber wir haben versucht, das auszugleichen.
Wie Hervé Bocherens in National Geographic sinngemäß sagt: Es war ein Paradies für Menschen. Das zu verschwinden drohte. Und Adam und Eva haben dieses Paradies mit ihren Weidetieren erhalten. Im Schweiße ihres Angesichts.
Offene Landschaften sind oft extrem artenreich. Nicht nur der Mensch kann dort gut sammeln und jagen, auch eine Vielzahl an Wildtieren.
Einige sind dann auch Kulturfolger geworden. Andere sind eine noch engere Beziehung mit uns eingegangen und wurden ebenfalls domestiziert. Wieder andere blieben zwar mehr oder weniger wild, aber wurden jagdlich gemanaged. Da kann man jetzt an die großen Büffelherden in der Prärie denken. Natürlich hat es einen Einfluss, welche Tiere und wieviele man wann 'entnimmt'.  Oder die Rentierherden, die sehr langsam von jagdlichem Management zu domestizierten Tieren wurden.
Vereinfachung ist hier fehl am Platz. Wenn ein Zaun drumrum ist, ist es menschengemacht und damit automatisch schlecht? Oder: Auch ohne Zaun ist es dann menschlich und damit schlecht, wenn jemand die Tiere als Besitz betrachtet und irgendwann verkauft?  


Menschlich als Gegenteil von Natur ist einerseits überheblich und andererseits machen wir uns selber damit mies. Die Menschheit macht nen Haufen Scheiß, keine Frage! Trotzdem sind wir ein Teil der Natur und haben uns nicht nur unser Paradies geschaffen sondern auch das vieler Tiere und Pflanzen. Jetzt haben wir es kaputtgemacht und müssen das irgendwie wieder hinkriegen!
Wenn ich was bastel, das ganz hübsch ist, und das dann nicht nochmal hinkriege, dann kann ich es bockig in die Ecke werfen, klar. Oder ich lerne das Handwerk - im Schweiße meines Angesichts - und kann irgendwann gezielt das machen, was mir anfangs mehr oder weniger zufällig gelungen ist.

'Was bringt diese oder jene Art Nutzung?' wird heutzutage gerne Mal berechnet. Vor allem in Sachen Klimaschutz. Das berücksichtigt immerhin schon Mal, DASS wir Land nutzen! Macht jedes Tier und jede Pflanze! Wir können das nur besser. 'Besser' im Sinne von: Mit größeren Auswirkungen und mit der Fähigkeit, die Folgen unseres Handelns abzuschätzen. Und genau deshalb sollten wir das wertschätzend, klug, und nachhaltig tun. Und zwar dringend!
Da habe ich jetzt also die Weide mit Rindern. Als Acker könnte ich da wesentlich mehr Kalorien produzieren. Da müsste man jetzt gegenrechnen, wieviel Klimagase jeweils entstehen und welche Ressourcen dafür verbraucht werden. Auf anderen Flächen KANN man keinen Ackerbau betreiben. Da könnte aber Wald stehen und ich kann die jeweilige CO2-Festsetzung gegenüberstellen.
Was ich oft lese ist der Vergleich 'ideal' mit 'normal'. Also der ideale Urwald, Jahrhunderte gewachsen, unberührt wird verglichen mit der durchschnittlichen Weide. Andersrum die extensive Weidehaltung auf beispielsweise alten Prärieflächen mit intensiver Maismonokultur.
Nur kriegen wir weder den Urwald noch die Prärievegetation da so schnell hin.  Urwald klingt gut! Also ziehen wir doch die landwirtschaftliche Fläche so klein wie möglich zusammen, bauen so intensiv wie möglich an und dann haben wir die Kalorien, die wir brauchen, und viel Platz für Urwald!
Ist eine Möglichkeit. Wir nehmen uns nur, was wir brauchen und machen uns so klein wie möglich. Stören so wenig wie möglich. Und da sind wir wieder an dem Punkt: Stören wir wirklich? Können wir nicht anders? Was ist mit der Erschaffung von Paradiesen?
Der Wald hat eine Lobby.
Die Graslandschaften nicht. Aber langsam werden Stimme laut. Das Magazin 'Science' hat dazu eine Reihe Artikel herausgegeben, in denen es um den Wert von 'Grassy biomes' geht.
Und klar: Der englische Rasen ist jetzt nicht das Ideal vom 'grassy biome'. Genausowenig, wie die Fichtenmonokultur das Ideal vom Wald ist.
Aber jeder, der einen Garten hat, weiß, dass man sich ein kleines Paradies schaffen kann. Sich und den Pflanzen und Tieren. UNSER Eden. Das wir nutzen und gestalten. Vieles erben wir, anderes erschaffen wir. Aus dem, was da ist und mit viel Arbeit und Hirnschmalz. 

Sehr empfehlenswert ist der oben sinngemäß zitierte Artikel aus dem National Geographi Magazin.

Ebenso die Artikel über grassy biomes im Science Magazin (die leider nicht alle frei verfügbar sind), auf die sich dieser Artikel beieht: Graslandschaften, die unterschätzten Alleskönner (Der Titel ist leider etwas arg reißerisch!)

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