Mittwoch, 8. Juli 2015

gar nicht mal so blöd....

"Das sind alles Anführer. Da ist keiner dabei, der folgen würde". Sagt Sheila auf die Fragen, ob man hier auch so etwas kennt wie die isländischen Anführerschafe und ich bin mir gar nicht sicher, ob sie von Foula-Schafen oder Foula-Menschen spricht.
Clever sind die Schafe auf jeden Fall. Neben dem Ferienhaus ist ein Stück ausgezäunt: Mit Elektrozaun, den die Schafe noch nicht kennen. Vier Litzen. Wir präparieren den Zaun für einen "Kennenlerntrick", der bei meinen Schafen ganz gut funktioniert hat: Immer mal 'nen Streifen Alufolie an die Litze machen, um die Neugier zu wecken und um den ersten Zaunkontakt nicht zwischen gut isoliertem Wollhintern und Zaun sondern zwischen Nase und Zaun zu provozieren.
Ich beobachte die Schafe. Keins geht an den Zaun. Ich beobachte die Schafe nicht mehr. Eine Mutter steht auf der falschen Seite. Ihr Lamm folgt nicht. Schon mal was. Ich bringe das Schaf auf die richtige Zaunseite und beobachte noch etwas. Nix. Am nächsten Tag: Fünf Schafe im ausgezäunten Feld. Schafe rausbringen, Zaun überprüfen, bisserl dran rumtüddeln, beobachten. Nix.
Essen machen, rübergucken, zwei Böcke im Feld. Die können niemals durch den Zaun gegangen sein. Der würde nicht mehr stehen. Springen die drüber? Warum springen die dann nicht über den Festzaun? Böcke raus, beobachten, essen, wundern wie sie es machen und wieder von vorne: Böcke raus, Concertina spielen, wundern, Böcke raus, beobachten, Concertina spielen, wundern, Böcke raus,......
Wie sie's machen? Die Mauer um den Garten ist an einer Ecke etwas niedriger. Da springen sie rauf, laufen auf der Mauer lang, hüpfen nur einmal kurz in den Garten für ein Maul voll Blumen und dann weiter auf der Mauer lang bis sie an der Stelle vorbei sind, an der der neue Zaun auf die Mauer trifft und da springen sie in das "ausgezäunte" Feld.
Ich bin ganz angetan von diesen netten Schafen. Die kann man ganz wunderbar allein von einem Feld ins andere treiben. Die Schafe laufen brav zusammen und gehen artig dahin, wo man sie haben möchte. Mir hat man bisher immer erzählt, die primitiven Schafe und allen voran die Shetlander, würde bei Druck sofort auseinanderspritzen und hätten keinen Herdenzusammenhalt. Ich hab mich gewundert, wie anders Skudden (und Schnucken) da sind.
Sheila - Post-Mistress von Foula und langjährige Schafs-und Ponyzüchterin - erzählt mir, daß das antrainiert ist. Man macht sich (und den Tieren) das Leben nicht unnötig schwer auf Foula. Die Lämmer bleiben den ersten Winter am Haus und bei ganz schlechtem Wetter im Stall. Sie lernen die Menschen als Überbringer bester Nachrichten kennen und sie wissen ganz schnell, wie der Sack mit den Zuckerrübenschnitzeln klingt, kurz bevor der Trog gefüllt wird. Außerdem haben sie einen guten Start ins Leben, wenn sie im ersten Winter ordentlich wachsen können statt auf dem Berg (bestenfalls) einfach  "durchzukommen".
Natürlich gibt es große rassebedingte Unterschiede im Verhalten von Schafen aber es ist nicht so, daß das Verhalten "hirnlos" auf einen Auslöser folgt. Schafe haben Strategien ausgearbeitet und gedanklich verschiedene Szenarien durchgespielt, einige davon in der Praxis getestet und die erfolgversprechendste ausgewählt, da sind wir noch gar nicht richtig auf der Weide. Als Beutetier ist man besser richtig, richtig gut darin, potentielle Beutegreifer zu erkennen und ihre Strategien vorwegzunehmen...



Weil Foula-Schafe clever sind und die Leute stolz auf ihre Schafe und weil man hier lange Zeit echt nicht viel hatte im Sinne von "Unterhaltung",  hat man die größten Tricks und Kapriolen der Schafe zum Besten gegeben. Nicht als "zwei von den Böcken waren so clever, auf der Mauer lang zu laufen", wie ich das oben gemacht habe sondern etwas persönlicher. Sind ja schließlich nicht irgendwelche Schafe auf irgendeiner Insel am Rande der Welt und auch nicht beliebige zwei von denen sondern " da tups - you kin - da sneedled moorit one and da twa bletted with floorie breeks", (die Schafsfarben sind Foula-Namen, der Rest frei improvisiert!) gefolgt von einer grandiosen Story über die Abenteuer der Böcke und des Erzählers.....
Das Bedürfnis, über die Schafe zu reden, muß durchgängig groß gewesen sein. Die sprachlichen Wurzeln für die unzähligen shetlandischen Farbbezeichnungen sind "Norn" - eine ausgestorbene nordische Sprache, eng verwandt mit Isländisch und Faröisch. Als Shetland schottisch wurde, gab es für einige Begriffe - wie Schafsfarbbezeichnungen - vermutlich keinen Ersatz. Aber weiterhin Verwendung. So haben sich die ganzen Bezeichnungen und ihre regionalen Varianten gehalten. Was passierte, als man auf rein weiße Herden umstieg? Kehrte da eh eine "industrialisiertere" Landwirtschaft ein, in der man nicht mehr über individuelle Tiere redete? Gab man ihnen Namen? War es egal, weil es mittlerweile Kino gab und das viel besser war als olle Schafsgeschichten?
Sneedled, flekkit, skimmlet, shaela,...... (die noch keine Ohrmarke haben sind "Setnins" - anderswo in Shetland "Yierlds", in Cumbria "Gimmers", manchmal einfach "Hoggs" und in Sachsen "Lieschen"!)
 

Kommentare:

  1. Hallo Irina, lese regelmäßig deine Berichte und musste heute schmunzeln. Es gibt keine blöden Schafe, wir Menschen sind nur nicht intelligent genug sie zu verstehen :-).
    Unsere schwarzen Skudden erscheinen auf den ersten Blick äußerst clever. Sie schaffen es unter dem Weidenetz (was wirklich gut gespannt ist!) durch zukrabbeln, weil ja das Gras auf der anderen Seite grüner ist. Sofern dann ein Zweibeiner erscheint, wird schnellstens ein Weg zurück gesucht, auch unten drunter, und dann tun sie so als wäre Garnichts gewesen. Das alleine ist schon beachtlich, zeugt es doch von einer gewissen Bauernschläue. Die weißen Skudden bleiben immer im eingezäunten Bereich. Warum? Ganz einfach, sie wollen sich dem Stress nach der Suche für die Rückkehr nicht aussetzen. Nun frage ich dich, wer ist schlauer?
    LG aus Freiberg Heike

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  2. Ich habe vor einiger Zeit auf Facebook mit einer Deutschen, die auf Island lebt, über die alten Farbbezeichnungen gesprochen. Wir kamen darauf, dass das shetlandische katmoget auf isländisch golsótt heißt (mit brauner Grundfarbe "mógolsótt" und mit schwarzer Grundfarbe "svartgolsótt"). Gulmoget ist in Island "botnótt". Sie schrieb, dass gulmoget "mit gelbem Magen" heißt, also mit hellem Bauch. Kat steht dann vermutlich für dunkel.

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    1. Witzig.... wir haben da bestimmt so einen mystische Verbindung..... die Deutsche war doch bestimmt Caroline Mende... gerade als Du das geschrieben hast, hatte ich ihr nettes Büchlein über Islandschafe in der Hand und habe Schafsfarben verglichen!
      Auf Foula gibt es keine Katmogets. Aber dafür eine Farbe, die es scheinbar sonst nirgends gibt. Heißt "Imy" - gesprochen "Eimie". Gulmoget heißt aber auch Imy. Und Gulmoget ohne Gesichtsmuster ist burrit (Schreibweise bin ich unsicher).

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