Freitag, 19. Juni 2020

Die Sache mit dem Fleisch...

Vorneweg ein paar Gedanken:
Bei alten Nutztierrassen gilt: Erhalten durch Aufessen. Ohne Nutzung verlieren wir dieses Erbe.
Nutztiere erhalten Artenvielfalt. Der Mensch hat mit seinen Nutztieren Landschaften erschaffen und erhalten, die großteils sehr artenreich sind und einmalige Lebensräume bieten.
Nicht alles Land kann mit Getreide- oder Gemüseanbau genutzt werden - das ist in anderen Regionen häufiger der Fall als bei uns aber gilt auch hier stellenweise.

Aber: Mein Fleisch, meine Wurst war mal ein Tier und das ist jetzt tot.

Ich habe mal einen interessanten Artikel gelesen über das Leben eines Wildtieres im Vergleich zum Nutztier. Krankheit, Hunger, Panik des Beutetieres, etc... Ist auch nicht wie bei Disney. Aber ich kann meine eigenen Tiere nicht essen. Ich esse aber die von Leuten, die ich kenne. Wo ich weiß, die Tiere hatten ein gutes Leben und einen schnellen Tod ohne Stress und Angst. Dieser Punkt ist mir immer wichtiger geworden... Wie sind die Tiere gestorben? Transport zum Schlachthof, Panik, Angst und dann vielleicht nicht mal schnell getötet.
(Da fällt mir ein: In ihrer Autobiographie schreibt Margaret Fay Shaw über ihr Leben auf den Äußeren Hebriden in den 1920er Jahren in einem Nebensatz, dass die Leute ihre eigenen Schafe nicht gegessen haben sondern jeweils die vom Nachbarn. Ohne weitere Erklärung aber ich glaube, denen ging es wie mir.)

Also: Ich esse Fleisch und Wurst und manchmal weiß ich, dass es so produziert wurde, wie ich mir das vorstelle. Aber oft ignoriere ich das einfach. Da nehme ich was aus dem Supermarkt mit. Auf Fleisch steht ja jetzt die Haltungsform drauf. Auf Wurst, die ich mehr esse, ist mir das noch nicht aufgefallen. Aber das ist fast egal, denn bei uns gibt es meist nur 1 und 4. Konventionell Minimalstandard und Bio.

"Der Verbraucher will das so", "Alle labern aber gekauft wird dann doch nur konventionell", "der Verbraucher entscheidet, was produziert wird"...
Ja...irgendwie schon aber man kann doch nicht alle Verantwortung an den Verbraucher abgeben! Was weiß denn ich, wie so ein Schlachtschwein artgerecht gehalten wird? Dafür gibt es doch Experten!
Mir will es nicht in den Kopf, warum die Gesetze nicht eine wirklich gute Haltung vorschreiben. Warum überlassen die Politiker das MIR, mich mit Schweinebauern zu unterhalten und mit Wissenschaftlern und daraus zu schlussfolgern, was ein Mindeststandard sein sollte und wie sich das dann in Haltungsform oder sonstewas für lustige Label übersetzt?

Dazu kommt: Das, was im Supermarkt liegt, stammt von größeren Firmen. Die eben solche Ketten beliefern können. Also ganz sicher auch aus großen Schlachthöfen. Zu denen die Tiere transportiert werden. Auf der Brandenburger Landwirtschaftsausstellung wurde mal ein Tiertransporter vorgestellt. Klimaanlage, genug Platz aber nicht soviel, dass die Tiere in der Kurve durch die Gegend fliegen. Wasser. Da haben wir schon echt gute gesetzliche Vorgaben!

Dass auf den großen Schlachthöfen überwiegend schlecht bezahlte Leute aus Osteuropa arbeiten, war mir auch klar. Und dass Leute unter scheiß Arbeitsbedingungen keine tolle Arbeit leisten können, konnte ich mir auch denken. Temple Grandin hat dazu in Animals in Translation sehr eindrücklich geschrieben wie wichtig es ist, den Mitarbeitern in Schlachtbetrieben zu ermöglichen, einen guten Job zu machen. (Empfehlenswertes Buch übrigens. Auf deutsch: Ich sehe die Welt wie ein frohes Tier.)
"Das ist in Amerika und die haben da viel schlechtere Gesetze zum Schutz der Arbeitnehmer."

Aber jetzt kann ich mir das nicht mehr schönreden! In Baracken zusammengequetscht, Schimmel, Ratten, katastrophale hygienische Bedingungen. Weil der Verbraucher das so will? 
730 Coronafälle in dem letzten Skandalbetrieb. Ich glaube, das ist der vierte in Deutschland?
Nach meiner Milchmädchenrechnung mit der bisherigen Fallsterblichkeit in Deutschland sind das dort dann vielleicht 30-40 tote Fleischer. Weil ich das so will? 

Mit den Lockerungen zum Wohle der Wirtschaft hat das natürlich gar nichts zu tun. Neeein... Dieser Teil der Wirtschaft läuft ja wie immer und diese Fälle... also die haben ja die Osteuropäer eingeschleppt! Also "wir" haben ja quasi keine...

Hocken die jetzt eigentlich unbezahlt in ihren siffigen Baracken? Bringt denen jemand was zu essen?

"Wir brauchen unbedingt ein staatliches Tierwohl-Label"... Das ist doch lächerlich! Wie wäre es mit gesetzlichen Mindestvorgaben für Mensch und Tier? Damit die Landwirte, die ihren Job gut machen und die Schlachtbetriebe, die ihren Job gut machen und ihre Mitarbeiter menschenwürdig behandeln und bezahlen, nicht mit den gewinnmaximierten Arschlöchern konkurieren müssen?

Fleisch und Wurst aus dem Supermarkt ist ab jetzt Tabu für mich.
War schon praktisch sich da auch Salami oder Schinken mitzunehmen... aber egal, wie billig der Kram da angeboten wird: Das ist es nicht wert!


Was bin ich froh, dass ich über die Schafe Leute kenne über die ich Fleisch aus guter Haltung, mit ordentlicher Schlachtung kaufen kann... da schmeckt's! 

1 Kommentar:

  1. Ich esse ja meine eigenen Schafe, weil ich es hinterher nicht mehr weiß, welches Filet von welchem Schaf kommt. Seit ich Schafe habe, kaufe ich so gut wie kein Fleisch mehr im Supermarkt, außer 2-3 mal im Jahr ein Biohuhn (Haltung 4). Aber Wurst und Schinken habe ich immer noch gekauft, zwar auf Bio geachtet, aber das heißt ja nicht unbedingt was. Räucherschinken habe ich auch mal von meinen Schafen machen lassen, aber normalen Aufschnitt bekomme ich nicht einfach so von Direktvermarktern. Ich esse den sehr gerne, habe aber jetzt auch aufgehört den zu kaufen und probiere grade ein paar unfleischige Alternativen. Nachgemachten vegetarischen Aufschnitt finde ich so bescheuert, dass ich den nicht kaufe. Also Hummus mit Koriander (lecker!), Schaffrischkäse, alten Gouda... Vielleicht bestell ich mal Wurstiges bei Kalieber, auch wenn das echt viel kostet.

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