Sonntag, 9. Oktober 2016

Mal was über Wolle von der North Atlantic Native Sheep and Wool Conference

Vielleicht kürze ich das jetzt einfach ab... NANASW....

Wie schon das ein oder andere Mal erwähnt: Auf dieser Konferenz treffen sich Leute, die eigentlich alle am Ar.... der Welt wohnen und immer noch ihre alten Rassen halten. Die sind kleiner, die Wolle am Weltmarkt eher nicht beliebt, die Schlachtkörper zu klein für die großen Verarbeiter und außerdem macht die Lage es verdammt schwierig, Zugang zu Märkten und Händlern zu bekommen. Bei der eher traditionellen Haltung in meist kleineren Herden hat man es als Produzent eh schwer.

Es geht also darum, sich auszutauschen über "wie macht Ihr das?" Wie kann man seinen Wettbewerbsnachteil ein wenig ausgleichen oder wie kann man ihn sogar in einen Wettbewerbsvorteil wandeln?

Trifft man in einer "Schafswelt" auch Leute, die damit nichts zu tun haben (die aber oft Wollenthusiasten sind), dann kommt früher oder später das große Erstaunen: "Wie? Die Wolle ist nichts wert? Wird einfach entsorgt? Aber..."

Besonders beeindruckend letztes Jahr auf Fair Isle. Da waren viele Freiwillige auf der Insel, die beim Abtrieb und der Schur geholfen haben. Ein paar Stunden schwitzend über den Berg rennen, bis die Schafe im Pferch sind und dann losschnipseln. 'Ne Stunde pro Schaf hat das oft gedauert. Die meisten hatten den Eindruck, sie hätten jetzt tatsächlich einen wertvollen Beitrag für die Insel geleistet (haben sie auch!), der sich auch finanziell auszahlt (tut er nicht!). Die Erkenntnis, daß zu der Arbeit noch der Transport zur Fähre, die Fahrt auf's Mainland und ein weiterer Transport zum Händler dazukommt und man dann weniger als 2 Pfund pro Vlies bekommt, war schon ernüchternd. Dabei sind die 2 Pfund ein verdammt guter Preis!

Das kann doch nicht sein!

Viele Produzenten verkaufen Vliese direkt an Handspinner oder lassen Strickwolle spinnen und verkaufen die. Internet sei Dank kann man heute auch von der abgelegensten Insel aus seine Kunden erreichen. Ob die im wollverrückten Japan sitzen oder in Hipster Brooklyn. Das funktioniert aber nur in kleinen Mengen. Dafür ist es etwas, was man auch als Einzelkämpfer oder kleine Genossenschaft in Angriff nehmen kann. Beliebt sind da auch Stricksets. Ein nettes Strickmuster mit allem was man braucht, um sich das Teil zu stricken.

Sockenstrickset aus norwegischer Wolle

Alles, was man für eine Mütze aus Manx Loaghtan Wolle braucht - in einer witzigen "Whiskeyflaschen-Verpackung"
In größeren Mengen wird es schwierig. Was nicht daran liegt, daß kein Markt da wäre. Es ist keine "Industrie" da, die aus der Wolle fertige Produkte produziert und die vermarktet. Und für den Verbraucher - dem ja gerne die volle Verantwortung für die Entwicklung der Landwirtschaft übergeben wird - gibt es kein "Rankommen". Erst recht gibt es keine Möglichkeit zu wissen, was man da jetzt tatsächlich kauft. "natural fibres, ethical products, cultural heritage, environment" - das alles hat einen Wert. Der ist nicht grenzenlos aber Leute sind bereit, dafür mehr zu zahlen. Wenn man das wirklich bekommt.
Einer der ersten Vorträge der Konferenz ging daher um das Thema Verarbeitung von Wolle und Labeling.

Ich fand es auffällig, daß Norweger tatsächlich viel, viel Wolle tragen. Sowohl Segler, die ich letztes Jahr in Shetland getroffen habe, als auch Farmer in Norwegen. Und ich war erstaunt, daß es in den Läden soviele Wollsachen gibt. (Läden in die ich gehe, sind allerdings eine Klasse für sich. Feedstore, Landhandel, Byggemarked,... wie auch immer die heißen. Da gibt es Arbeitsklamotten und Werkzeuge und Angel- und Jagdbedarf und so was.) In Norwegen trägt man Wolle. Pullis, Socken, Unterhosen, Handschuhe, alles! Und fast alle Wollsachen in diesen Läden sehen so aus, als wären sie in Norwegen produziert.

In diesem ersten Vortrag über Labeling habe ich dann eine Faustregel gelernt: Je mehr norwegische Landschaft auf dem Label ist und je mehr norwegische Flaggen, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, daß das Teil in Norwegen produziert wurde!

EIN einziges Qualitätssiegel - ob Herkunft oder "Bio" oder sonstwas ist da schön und gut aber macht die Sache noch komplizierter. Nehmen wir mal Shetland und "Bio" bzw. "organic": Um das Endprodukt so zu kennzeichnen, muß JEDER Schritt den Anforderungen genügen. Sonst wäre es ja auch Beschiss. Mir persönlich ist es aber egal, ob die Spinnmaschine zwischendurch für "nicht-Bio-Wolle" benutzt wurde und ob die Strickerin, die nachher den Pullover daraus strickt, ein Biosiegel hat. Um aber dieses umfassende Siegel zu bekommen, muß man die Wolle x-mal durch die Weltgeschichte schicken. Zur Wäscherei mit Siegel und dann zur Spinnerei, Weberei, zum "finisher" und zum Schneider.
Gerade auf den Inseln kann man nicht erwarten, daß die ganze Produktionskette vor Ort aufgebaut wird. Man kann aber auch nicht "made in Faroe" draufschreiben, wenn nur die Wolle von da kommt. Also geht das Verkaufsargument verloren.

Wolle von den Färöern
Der Vortrag hieß übrigens "Enhancing local value chains" und wurde gehalten von Ingun Grimstad Klepp, die in einem Institut für "Konsumforschung" arbeitet. Sie hat sich vor allem mit diesen Fragen beschäftigt: "Was können wir sinnvoll vor Ort machen?" "Was können wir genausogut (oder erstmal) anderswo machen lassen?" Und "wie könnte ein Label aussehen, das dem Kunden genau das mitteilt?" Wolle aus Norwegen, Spinnerei in UK, Weberei in Estland, Schneiderei wieder in Norwegen.... sowas. Was sie da mit netten Pictogrammen und Flaggen entworfen haben, war echt gut. Und gar nicht "erschlagend".

Eine weitere Rednerin war von ... irgendnem Modelabel. Die haben mit Wolle alter Schafe (und Seide) ein paar Kleidungsstücke produziert, die auf archäologischen Funden beruhen. Super elegant. Zumindest, wenn so eine super elgeante, große Modefrau wie Tone Tobiasson die anhat! Sie erzählte zwischendurch von einem Gespräch an einem Londoner Flughafen auf dem Rückweg von einer Modemesse. Es ging darum, daß Norweger gerne und viel Wolle tragen. Ihr Gesprächspartner fand das ganz interessant. RICHTIG fasziniert war er aber erst, als sie sagte "Bei uns ist alles aus Wolle, dies und das und.... Unterwäsche!" Da war wohl erstmal Ruhe und irgendwann hat er erstaunt gefragt "What does that do to your sex life?"

Auch bei einigen anderen Vorträgen ging es um die Produktionskette. Und wie weit man (sinnvoll) kommt. Auf den Färöern ist man jetzt soweit, die Wolle vor Ort zu sammeln und zu sortieren und zum Verkauf anzubieten. (Sollte also jemand gerade 180.000 kg Rohwolle brauchen - ich weiß, wo es welche gibt!). Auf Uist gibt es mit Uist Wool ein größeres Projekt, bei dem es bis zum fertigen Garn geht bzw. bis zum Tweed, der auf der Nachbarinsel gewebt wird und der dadurch das Siegel "Harris Tweed" tragen darf. Es gibt mittlerweile auch fertige Kleidungsstücke - die dienen vor allem zur Präsentation des Produktes "Uist Wool". Ansonsten können die da auf ihrer Insel hocken und hoffen, daß irgendwer aus irgendwelchen Gründen an genau diesem Garn besonderes Interesse hat. Die Bilder dazu waren echt toll! So im Hipster Schick aufgenommen - im "Schuppen" auf Uist, mit viel Ausstrahlung und tollem Bezug zum Ursprung. Mit nem Horn und 'nem Hirtenstab. Minimalistisch und einfach edel.

Produkte aus Uist Wool - zimelich schick präsentiert. Kommt hier leider nicht so rüber
Uist Wool - fertig zum Anziehen

North Ronaldsay hat seine eigene Spinnerei und gar nicht genug Schafe, um über weitere Produktionsschritte nachzudenken. Die gesponnen Wolle ist jedes Jahr ratz fatz ausverkauft.



Dann gibt es noch ein paar Produkte, die nicht vollständig vor Ort produziert werden aber die Publicity bringen. Im Weißen Haus liegt zum Beispiel Teppich aus Wolle alter norwegischer Schafe. Wie man sich denken kann, gab es zur Auswahl des Fußbodenbelags ein Kommitee mit Experten und hohe Qualitätsanforderungen. Da hat die norwegische Wolle einfach mal am Besten abgeschnitten.
David Beckham hat ein Bett aus Shetlandwolle. Und dieses Modell wurde mal im Rahmen der Campaign for Wool von Prince Charles angezündet. Sollte zeigen, wie toll Wolle ist und daß sie nicht brennt.
Wahrscheinlich bin ich da alleine aber mich amüsiert die Vorstellung, daß der Prince of Wales so ein Bett ankokelt - wie ein Staubsaugervertreter, der erstmal 'ne Tüte Staub auskippt....

Bett aus Shetlandwolle - in so einem schläft David Beckham und Prinz Charles hat's angezündet

Der Ausflug in die Textilindustrie war spannend. Näher dran am Schaf war da die Schurdemonstration zur Lofoten Food Fair mit anschließender Versteigerung der Wolle.

Vorführung Schafschur auf der Lofoten Food Fair. Mir wäre dieser Moderator furchtbar auf den Senkel gegangen aber der Scherer hat ganz entspannt geanwtortet UND geschoren

kleine Schafe, kleine Vliese - die Wolle der Schurvorführung wurde anschließend versteigert

Beim großen Wollaufkäufer der Lofoten waren wir auch und haben uns das Sortieren angeguckt. (Die Wolle geht übrigens zur weiteren Verarbeitung bzw. zum Weiterverkauf fast komplett nach UK, nur ein Teil kommt zurück - meist gesponnen)

Rohwolle auf den Lofoten

Klassifizierung norwegischer Wolle - der Norsk Ullstandrad

Kaufen wollte ich eigentlich auch was. So einen ganz typischen Pullover mit diesen Metallhaken. Den kann man auch für viel, viel Geld im Internet bestellen. Aber da ist kein Label dran, das mir sagt, ob das nun wirklich aus norwegischer Wolle ist.... Tja - meine Hoffnung, daß es sowas Vorort gibt, hat sich nicht bestätigt. Gab es nur zum Angucken in einem "Museum"....

So einen wollte ich - den hinten mit dem grauen Filz und den schnieken Haken



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